Wertvolle Dornenkrone

Die Dornenkrone von Notre Dame

Die Dornenkrone von Notre Dame

Nach dem Brand der Kathedrale von Notre-Dame in Paris am 15. April 2019 konnten die rund 400 Einsatzkräfte nach stundenlangem Kampf die Flammen löschen und in einer Menschenkette auch zahlreiche Reliquien aus der Kathedrale retten. Einer hat sich dabei besonders hervorgetan: der Seelsorger der Pariser Feuerwehr, Kaplan Jean-Marc Fournier.

Seinem Einsatz ist es zu verdanken, dass die Dornenkrone Jesu Christi, die als wertvollster Besitz von Notre-Dame gilt, rechtzeitig geborgen werden konnte. Wie mehrere Medien berichteten, bestand Fournier am Abend des 15. April 2019 darauf, die Feuerwehrleute in die brennende Kathedrale zu begleiten, obwohl dort nach wie vor Gefahr bestand. Gemeinsam mit den Feuerwehrleuten verschaffte er sich Zugang zu der in Gold und Kristallglas gefassten Dornenkrone und brachte sie in Sicherheit. Der französische König Ludwig IX. hatte die Dornenkrone, die einst Jesus Christus getragen haben soll, bereits 1239 erworben. Seit der französischen Revolution wurde sie in der Kathedrale von Notre-Dame aufbewahrt. Vorübergehend ist sie nun im Pariser Louvre-Museum untergebracht.

Die Dornenkrone hat weiß Gott nicht nur einen unschätzbaren Wert als kostbare Reliquie. Sie ist vielmehr ein wertvolles Symbol für die Leidensfähigkeit unseres Herrn Jesus Christus. Er hat den Hohn und Spott der römischen Soldaten mit einer geradezu göttlichen Geduld und Demut ertragen. Der Apostel Petrus schreibt: „Als er geschmäht wurde, schmähte er nicht. Als er litt, drohte er nicht,  sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (1 Petr 2, 23-24)

Damit hat Christus uns ein Beispiel gegeben, das bereits in den Seligpreisungen der Bergpredigt vorhergesagt worden ist: „Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.“ (Mt 5, 11-12) Fortan geht uns Jesus Christus als der wahre König auf dem Kreuzesthron voran. Von ihm können wir lernen, was es heißt, sein Kreuz auf sich zu nehmen und seine Dornenkrone in Würde zu tragen. In der Schicksalsgemeinschaft mit Jesus Christus kann jeder seine eigene Dornenkrone mit einbringen, und die kann ganz unterschiedliche Formen annehmen.

Es kann dies ein Leiden oder eine schwere Krankheit sein. Auch manche Mitmenschen muss man wie eine Dornenkrone aushalten, selbst wenn man sie am liebsten abschütteln möchte. Jede Belastung im Beruf, in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Privatleben, in der eigenen Familie, in der Verwandtschaft oder in der Nachbarschaft kann eine solche Dornenkrone sein. Im Blick auf Jesus Christus können wir dann fragen: Bin ich bereit, manches Belastende und Beschämende zu akzeptieren, es in Gottes Namen auf mich zu nehmen, es auszuhalten und durchzutragen, um der Liebe Christi willen? Kann ich meine persönliche Dornenkrone in Würde und mit großem Gottvertrauen tragen, ohne Gewalt anzuwenden oder dreinzuschlagen? Wir wissen ja, dass Gewalt nur immer wieder Gewalt erzeugt. Nur die Leidensfähigkeit des Lammes Gottes kann der Welt den Frieden bringen. Der Apostel Paulus schreibt: “Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes.” (Röm 15, 7) Nach dem Zeugnis des Lukas-Evangeliums bedeutet das: „Liebet eure Feinde! Tut denen Gutes, die euch hassen! Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd! Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden!“ (Lk 6, 27-38)

Ein anderes Wort für Leidensfähigkeit heißt Toleranz, abgeleitet vom lateinischen tolerare, was auf deutsch so viel bedeutet wie ertragen, aushalten, erdulden. Aber auch die englische Sprache trägt ihren Teil zum Verständnis bei. Das englische compassion, zu deutsch Mitgefühl, leitet sich her vom lateinischen passio, was so viel wie Leiden oder Martyrium bedeutet. Toleranz und Mitleid sind also gefragt, wenn wir uns dem Beispiel und Vorbild Jesu Christi würdig erweisen wollen. Heutzutage spricht man in diesem Zusammenhang auch von Frustrationstoleranz. Ich kann nicht erwarten, dass alles in meinem Leben läuft wie geschmiert. Im Gegenteil: Ich muss immer auch damit rechnen, dass mir einer ein Bein stellt, dass ich ungerecht behandelt, gemobbt und verspottet werde. Rückschläge und Enttäuschungen sind nicht die Ausnahme, sondern mehr und mehr die Regel. Wie werde ich damit umgehen? Mit einem Lied von Angelus Silesius beten wir: „So lasst uns denn dem lieben Herrn mit unserm Kreuz nachgehen und wohlgemut, getrost und gern in allem Leiden stehen. Wer nicht gekämpft, trägt auch die Kron‘ des ew‘gen Lebens nicht davon.“

Ulrich Manz 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.