Werdet wie die Kinder

Jesuskind (Oettingen um 1930)

Jesuskind (Oettingen um 1930)

Ich stöbere immer wieder gerne auf Kirchendachböden und in alten Sakristeischränken. Dabei ist mir im Laufe der Jahre aufgefallen, dass so gut wie jede Pfarrei schon immer eine Gipsfigur des heranwachsenden Jesuskindes besessen hat. Irgendwann im 19. Jahrhundert ist die Verehrung der Kindheit Jesu in solchen Figuren, mit leichtem morgenländischen Gewand, barfuß und mit ausgebreiteten Armen, mehr und mehr Gestalt geworden. Es gab sogar einen so genannten Kindheit-Jesu-Verein, wo Eltern ihr Kind anmelden konnten. Dann wurde zum Kinde Jesus gebetet, es wurden Andachten abgehalten und für Kinder in Not gespendet. Daraus entstand das so genannte Kindermissionswerk und später die Aktion Sternsinger des päpstlichen Kinderhilfswerks. Von der ursprünglichen Verehrung der Kindheit Jesu im 19. Jahrhundert ist leider nicht mehr viel übrig geblieben.

Man hat die Jesusfiguren aus Gips als kitschig empfunden. Folglich führen sie heutzutage ziemlich ramponiert und verstaubt ihr Schattendasein auf dem Dachboden. Aber es lohnt sich, den Staub der Vergangenheit einmal wegzuwischen und im Advent darüber nachzudenken, was uns gerade der heranwachsende Jesus, wie er bei seinen Eltern in Nazareth gelebt hat oder wie er mit zwölf Jahren im Tempel von Jerusalem mit den Schriftgelehrten diskutiert hat, sagen möchte. Die Kindheit Jesu kann auch heute noch Kinder und Erwachsene in gleicher Weise ansprechen.

Ein flüchtiger Blick in die Entstehungsgeschichte der Kindheit-Jesu-Verehrung beginnt natürlich mit dem berühmten Bibelzitat aus dem Matthäus-Evangelium: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen. Wer sich so klein macht wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte. Und wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ (Mt 18, 3-5) Im Religionsunterricht erkläre ich das immer so, dass „Kindsein“ nichts mit „kindisch“ oder „läppisch“ zu tun hat. Vielmehr kann man an Kindern im Grundschulalter all das schätzen und bewundern, was vielen Erwachsenen verloren gegangen ist. Kinder sind neugierig, kreativ, spontan, ehrlich, unverstellt, begeisterungsfähig, gefühlvoll und hilfsbereit. Manchmal denke ich mir: Eigentlich sind Kinder die besseren Erwachsenen. Ich kann gut verstehen, dass Jesus das anbrechende Himmelreich gerade in den Kindern und ihrem offenen und unschuldigen Wesen gesehen hat.

Einen weiteren Meilenstein in der Kindheit-Jesu-Verehrung verdanken wir Martin Luther und der Reformation. Bekanntlich lehnten die Kirchen der Reformation jede Heiligenverehrung als Personenkult und Aberglaube ab. Vor Gott sollten alle Menschen gleich sein. Damit ergab sich aber ein Problem. Auch der heilige Bischof Nikolaus fiel der Reformation zum Opfer. Aber wer sollte dann an Weihnachten die Geschenke bringen? Martin Luther hatte eine geniale Idee. In seiner tiefen Christusfrömmigkeit ließ er ab sofort das Christkind die Geschenke bringen, und zwar nicht das neu geborene Kind in der Krippe, sondern das heranwachsende Christkind oder das zwölfjährige Jesuskind. Damit war die Kindheit-Jesu-Verehrung geboren, die sich rund um Weihnachten trotz Santa Claus und Coca-Cola-Werbung bis heute halten kann. Sogar Briefe kann man an das Christkind schreiben, die in eigenen Postfilialen wie dem oberösterreichischen Ort „Christkindl“ auch noch beantwortet und mit einem eigenen Poststempel versehen werden.

Das berühmteste Christkind der Welt ist ganz ohne Zweifel das Nürnberger Christkind, wenn es die Empore der Frauenkirche betritt, die Arme ausbreitet und den Besuchern auf dem Nürnberger Hauptmarkt zuruft: „Das Christkind lädt zu seinem Markte ein, und wer da kommt, der soll willkommen sein.“ Manchem von uns mag dieser Auftritt auch wieder zu kitschig und von Konsum und Kommerz überfrachtet sein. Aber ein Satz aus dem berühmten Prolog des Nürnberger Christkinds steht für mich zeitlos gültig und als ewige Wahrheit da: „Ihr Herrn und Frau’n, die Ihr einst Kinder wart, seid es heut’ wieder, freut Euch in ihrer Art.“ An uns liegt es also, über die Kindheit Jesu wie auch über unser eigenes, recht verstandenes Kindsein nachzudenken und daraus viel Kraft und geistige Erbauung für die Adventszeit zu schöpfen. Jesus, der Kinderfreund, möge uns durch diese Adventszeit begleiten. Davon spricht auch ein Lied, das zu den berühmtesten Advents- und Weihnachtsliedern überhaupt zählt. Wer mag, darf es ruhig einmal sich selbst vorsingen und dabei still werden. „ Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind. Kehrt mit seinem Segen ein in jedes Haus, geht auf allen Wegen mit uns ein und aus. Steht auch mir zur Seite, still und unerkannt, dass es treu mich leite an der lieben Hand.“

Ulrich Manz

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