Sehnsucht nach dem endlosen Meer

Buchmalerei aus dem Hitda-Codex (um 1000)

Buchmalerei aus dem Hitda-Codex (um 1000)

Antone de Saint-Exupéry hat einmal gesagt: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Genau das war auch Teil der Botschaft Jesu Christi. Er wollte in seinen Jüngern eine Sehnsucht wecken, und zwar die Sehnsucht nach Gottes grenzenloser Herrlichkeit. Er tat dies nicht nur mit Worten, sondern auch durch Gesten und Taten, wie beispielsweise beim Evangelium vom reichen Fischfang. Damit die Jünger zu Menschenfischern werden können, müssen sie erst einmal das sichere Ufer verlassen und hinaus auf die hohe See. Da lässt man alles Überflüssige an Land zurück.

Fischer und Seeleute fahren gerne hinaus, weil sie eben die Weite des Meeres und die Weite des Himmels lieben. Sie arbeiten gerne als Mannschaft zusammen. Sie vertrauen ihren seemännischen Fähigkeiten. Sie setzen die Segel und nutzen den Wind. Sie führen das Steuerruder mit sicherer Hand. Wenn es stürmisch und gefährlich wird, muss sicher einer auf den anderen verlassen können, sonst geht das Schiff unter. Die Segel richtig setzen, aber, wenn es zu heftig stürmt, die Segel einholen und nötigenfalls auch eingedrungenes Wasser aus dem Boot herausschöpfen – all das gehört für Seeleute mit dazu. Vielleicht lieben sie auch das Abenteuer, so zwischen Himmel und Erde auf dem Wasser dahinzugleiten. Dafür müssen sie ein Stück weit ihre gewohnten Sicherheiten aufgeben. Nicht umsonst heißt ein altes Juristensprichwort: “Vor Gericht und auf hoher See ist man ganz in Gottes Hand.” Aber dafür hat die Schiffsbesatzung ihre eingeübten Kenntnisse und Fertigkeiten. Der Marineschriftsteller Gorch Fock hat das so ausgedrückt: “Gottes ist Woge und Wind. Segel aber und Steuer, das ihr den Hafen gewinnt, sind euer.”

Übertragen wir das auf unseren Alltag als Christen und als Kirche, dann ahnen wir schon, dass in der Nachfolge Christi noch jede Menge Luft nach oben bleibt. Denn im Vergleich zu den Seeleuten sind wir alle miteinander doch viel zu sesshaft geworden. Die Kirche wird ja gerne als das „Schifflein Petri“ bezeichnet. In einem modernen Kirchenlied heißt es: “Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit. Das Ziel, das ihm die Richtung gibt, ist Gottes Ewigkeit.” Allerdings: Unterwegs ist dieses Schiff nur noch selten. Im Gegenteil. Wenn wir von einem Kirchenschiff sprechen, dann meinen wir heute nur mehr unsere Kirchenbauten und Kathedralen, und die sind nun einmal denkbar unbeweglich. Nehmen wir also die Botschaft Jesu Christi ernst: „Fahr hinaus auf den See!“ Wirf Ballast ab. Klammere dich nicht an falsche Sicherheiten, an trügerischen Besitz oder an vermeintliche Macht. Gib dich ganz in Gottes Hand und suche jeden Tag die Weite von Gottes Herrlichkeit.

In einer brasilianischen Gemeinde von Fischern stellte jemand die Frage: “Warum suchte Jesus einen Fischer wie Petrus aus, um ihm die Leitung der Kirche anzuvertrauen?” Die Antwort: “Wer sich zu Land bewegt, baut eine Straße und asphaltiert sie. Dann wird er immer wieder diesen Weg benutzen. Ein Fischer aber sucht die Fische dort, wo sie sind. Deshalb sucht er jeden Tag einen neuen Weg. Ihm kommt es darauf an, die Fische ausfindig zu machen. Es kann ja sein, dass der Weg von gestern nicht zu den Fischen von heute führt.”

Ulrich Manz

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