Ich muss mich erst mal sammeln

Lesender Klosterschüler von Ernst Barlach

Lesender Klosterschüler von Ernst Barlach

Das waren noch Zeiten, als Karl Heinrich Waggerl beim Salzburger Adventssingen sagen konnte: „Dies ist die stillste Zeit im Jahr.“ Heutzutage kann von Ruhe oder Muße im Advent keine Rede mehr sein. Vielmehr haben sich zwei Unholde namens “Konsum” und “Kommerz” den Advent unter den Nagel gerissen. Da helfen auch keine guten Vorsätze. Früher oder später holt einen die Geschäftigkeitswelle ein und trägt einen wie ein Tsunami mit sich fort. Zum Beginn des Advent habe ich mir deshalb einen ganz bestimmten Vorsatz gefasst: Ich muss mich erst mal sammeln. Dazu setze ich mich hin und lasse als erstes den ganzen Lärm des Alltags wie ein immer schwächer werdendes Echo ausklingen. Wie gut doch so ein Augenblick der Stille tut!

Ich fange an, auf meinen Atem zu achten. Wie verkrampft und kurzatmig man doch geworden ist! Ich versuche, meinen Herzschlag wahrzunehmen. Schade, dass dieses zentrale Organ so wenig Beachtung findet! Dann senke ich den Blick und lasse alle hektischen Gedanken, die in meinem Kopf umherschwirren, Schritt für Schritt zur Ruhe kommen. Ich versuche, an gar nichts mehr zu denken. Immer, wenn ich abschweife, hole ich mich wieder in meine innere Mitte zurück.

Dann öffne ich mich für Gott. Meine innere Wahrnehmung geht nach oben, in Richtung Himmel. Ich spüre die unendliche Weite und Freiheit, die sich dort oben entfalten. Im Gleichklang mit der Weite des Raumes und der Zeitlosigkeit des Weltalls tauche ich ein in Gottes Gegenwart. In sich ruhend, erhaben und freundlich wird mir Gott bewusst. Ich habe das Gefühl, er hätte schon lange auf mich gewartet. Aber ich hatte ja nie Zeit. Immer war etwas anderes wichtiger, so lange, bis mich die ganze Gedankenlosigkeit, Oberflächlichkeit und Hetze des Alltags mir selbst entfremdet haben. Damit ist jetzt Schluss. Wie von selbst kommt mir eine Stelle aus dem Buch der Psalmen in den Sinn: „Ich ließ meine Seele ruhig werden und still; wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir.“ (Ps 131) Und ich denke an die Holzfigur des lesenden Klosterschülers von Ernst Barlach. Was für eine gesammelte und konzentrierte Gebetsatmosphäre!

Schließlich kommt mir zu Bewusstsein, wie selbstvergessen und ausgebrannt einen doch der Lärm des gesellschaftlichen Trubels zurücklässt. Wie zerfahren, zerstreut, unkonzentriert, fremdbestimmt und ferngesteuert man doch wird! Auf einmal sehne ich mich danach, wieder Herr im eigenen Haus zu sein. Ich hole sozusagen meine Fühler und Antennen ein, die sich schon viel zu lange außerhalb meines Bewusstseins verheddert haben. Ich konzentriere und fokussiere meine Aufmerksamkeit auf den Persönlichkeitskern meiner Seele. Nur so werde ich Kraft tanken und für das gesellschaftliche Leben auf neue Weise sprachfähig werden können. Wenn ich dann von jemand angesprochen oder gefragt werde, dann antworte ich einfach: „Einen Augenblick bitte, ich muss mich erst mal sammeln.“ Mal sehen, wie lange ich das im Alltag durchhalte.

Ulrich Manz

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