Erstkommunion 1973 im Oberallgäu

Mein Erstkommuniongeschenk

Mein Erstkommuniongeschenk

Früher war bekanntlich alles anders. Meine Erst­kommunion am 29. April 1973 in Immenstadt im Oberallgäu ist mit dem heute üblichen Aufwand überhaupt nicht zu vergleichen. Die einzige Erstkommunion-vorbereitung fand im Religionsunterricht statt, und zwar durch unsere Katechetin Helene Sedelmaier. Mit der Statur eines Sumo-Ringers gesegnet, machte sie alles platt, was sich ihr in den Weg stellte. Legendär waren ihre Kopfnüsse, die sie mit ihrem Mittelfingerknochen verabreichte, sodass selbst über dem massivsten Allgäuer Dickschädel am helllichten Tag die Sternlein funkelten.

Unser geburtenstarker Jahrgang 1965 zählte damals über 60 Erstkommunionkinder, die in stolzen Zweier­reihen, angeführt von der Stadtkapelle Immenstadt, in die Kirche einzogen sind wie auf einen Truppenübungsplatz. Für die lange dünne Kommunionkerze hatte jeder vor sich einen festgeschraubten Kerzenhalter an der Bank. Ich weiß noch, dass ich ziemlich enttäuscht war, als ich den Leib Christi empfangen hatte, weil ich in meiner kindlichen Einfalt glaubte, dass da etwas Besonderes passieren müsste, irgend ein kleines Wunder oder eine Erleuchtung. Aber das war nicht der Fall. Was mich jedoch sehr berührt hat, das war der Augenblick, als meine Eltern zur Kommunionausteilung an den Altar traten. Sie bekamen den Leib Christi ohne Unterschied genauso wie ich, und das gab mir das Gefühl, ab sofort ungemein bedeutend und erwachsen zu sein.

Nach der Messe ging es ins Fotoatelier. Weil mir der Trachtenanzug meines älteren Bruders etwas zu groß und mein weißes Hemd zu weit war, steckte mir der Fotograf kurzerhand von hinten eine Streichholzschachtel in den Hemdkragen. Das brachte zumindest für die Kamera die gewünschte Passform. Zum Mittagessen gingen meine Eltern, meine zwei älteren Brüder und ich ohne jede Voranmeldung ins Gasthaus Drei König am Marienplatz. Es gab Schnitzel mit Kartoffelsalat. Auch die Geschenke waren sehr überschaubar: ein aufklappbarer Reisewecker und ein Bildband über die Wieskirche mit dem Titel „Jubelndes Rokoko.“ Alles in allem war es eine schlichte und bodenständige Erstkommunion, aber ich hatte nie das Gefühl, dass da etwas gefehlt hätte. Wenn ich an den Aufwand denke, der heutzutage getrieben wird: Fotoserien in der Kirche, vor der Kirche, hinter der Kirche, Fünf-Gänge-Menü für die komplette Verwandtschaft, Berge von Geschenken, hunderte von Euro für das neue Sparbuch, Glückwunschsendungen von Firmen, Banken und Einzelhändlern – da können einem die Kinder manchmal richtig leid tun. Schade auch, dass nach dem großen Fest so wenig übrig bleibt an Interesse und Engagement für das kirchliche Leben. Aber wenigstens war und ist es ein schönes Fest, vielleicht auch das unbeschwerteste aller Feste, die in einem jungen Leben noch folgen werden. Und das wird wohl auch immer so bleiben. Ob mit großem Aufwand oder im kleinen Kreis: Erstkommunion bleibt Erstkommunion – ein unvergesslicher Tag im Leben eines Kindes.

Ulrich Manz 

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