Persönliche Spiritualität

Der Buchleser von Ernst Barlach (1870-1938)

Der Buchleser von Ernst Barlach (1870-1938)

Die italienische Reformpädagogin Maria Montessori hat sich mit einem Kind darüber unterhalten, wie man richtig lernt. Das Kind sagte: „Hilf mir, es selbst zu tun. Zeig mir, wie es geht. Tu es nicht für mich. Ich kann und will es allein tun.“ Daraus hat sich später das selbstbestimmte Lernen in den Montessori-Schulen entwickelt. Es funktioniert, weil Kinder von Natur aus neugierig sind, und weil sie sich nicht gerne von den Erwachsenen bevormunden lassen. Erziehung zur Selbstständigkeit – dieser Gedanke steckt auch im biblischen Gleichnis von den klugen und törichten Frauen auf ihrem Weg zum himmlischen Hochzeitsmahl. Die Lampen der Klugen waren voll, weil sie selbstständig und rechtzeitig ihr Öl angesammelt haben, wie eben auch Kinder ihr Wissen ansammeln.

Die Lampen der Törichten jedoch waren leer, weil sie sich um nichts gekümmert und für nichts interessiert haben. Wie sagte doch der Bayern-Trainer Giovanni Trapattoni: „In diese Spiel die Spieler ware schwach wie eine Flasche leer.“ Auch der Glaube ist so eine Art Ölgefäß, das man rechtzeitig füllen muss, um nicht am Ende mit leeren Händen dazustehen. Mir ist vor Ostern, als zum ersten Mal Gottesdienste abgesagt werden mussten, mit Erschrecken aufgefallen, wie wenig persönliche Frömmigkeit bei den einzelnen Gläubigen noch da ist, und wie viele total unselbstständig, ja geradezu süchtig nach Gemeinschaftsfeiern geworden sind. Vor ein bis zwei Generationen wurde die persönliche Spiritualität mit Gebetbuch und Rosenkranz, sozusagen im stillen Kämmerlein, noch gepflegt. Ein Herrgottswinkel mit Kreuz und Blumen gehörte in jedem Wohnzimmer mit dazu. Heute reicht es nicht einmal mehr für ein privates Nachtgebet. Wenn dann das offizielle Gottesdienstprogramm wegfällt, bricht auf einmal Panik aus. Das muss nicht sein. Ich glaube, wir müssen alle miteinander wieder privat beten lernen, jeder für sich. Durch das persönliche Gespräch mit Gott, durch Stille und Meditation lassen sich die Aggregate im Handumdrehen aufladen. Dann können wir dem Herrn auch wieder mit brennenden Lampen entgegengehen.

Ulrich Manz 

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