Näher bei sich – näher bei Gott

Hochwürden Don Camillo (1961)

Hochwürden Don Camillo (1961)

In dem französisch-italienischen Spielfilm „Hoch­würden Don Camillo“ von 1961 (frz. Don Camillo Monsignor) be­schwert sich der mittlerweile zum Monsignore ernannte Don Camillo beim Gekreuzigten am Hochaltar der Kirche von Brescello, dass er die Stimme des Herrn in Rom so lange nicht gehört habe. Der Gekreu­zig­te antwortet ihm: „Gott ist den Menschen überall gleich nah, Don Camillo. Hier scheint er dir nur näher zu sein, weil du dir selber näher bist.“ Dieser kurze Dialog hat mich sehr nachdenklich gemacht. Einerseits erinnert er mich an die berühmte Inschrift am Apollotempel von Delphi: „Erkenne dich selbst!“ (griech. gnothi seauton) Andererseits muss ich an ein scholastisches Axiom denken, das ich mir seit meiner Studienzeit bewahre.

Es ist die „vollständige Rück­kehr des Subjekts zu sich selbst.“ (lat. reditio completa subiecti in seipsum) Das gefällt mir deshalb so gut, weil es mich aus der ganzen Zerstreutheit, Gedankenlosigkeit und Oberflächlichkeit der moder­nen Welt in meine eigene geistige Mitte zurückruft, fast wie der legendäre „Ruf zur Ordnung“ im Deutschen Bundestag. Der Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225-1274) schreibt in seiner Summe der Theologie (I q. 14 a. 2 arg. 1): „Jede Vernunft, die um ihr inneres Wesen weiß, kehrt zu diesem ihrem Wesen  in einem Akt der vollständigen Rückkehr und Samm­lung zurück.“ (Omnis sciens qui scit suam essentiam, est rediens ad essentiam suam reditione completa) Darauf aufbauend sagt er über Gott (I q. 14 a. 2 ad 1): „Wer sein Wesen kennt, kehrt zu seinem Wesen zurück. Durch sich selbst zu existieren jedoch kommt auf höchstmögliche Weise Gott zu. Daher ist Gott gemäß dieser Aussage derjenige, der selbst auf höchst­mögliche Weise zu seinem eigenen Wesen zurück­kehrt und so sich selbst begreift.“ (Sciens essentiam suam, redit ad essentiam suam. Per se autem subsistere maxime convenit Deo. Unde secundum hunc modum loquendi, ipse est maxime rediens ad essentiam suam, et cognoscens seipsum) Nun mahnt uns der Apostel Paulus: „Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit!“ (Eph 4, 24) Wollen wir dieses Ziel ernsthaft erreichen, so gibt es keinen ande­ren Weg als den Weg nach innen, und zwar durch Selbst­reflexion, Selbsterkenntnis und Bewusstseinsbildung. Wenn ich ganz bei mir selbst bin, dann bin ich zugleich auch ganz bei Gott. Je besser ich mich sammle, kon­zentriere, fokussiere und reduziere, desto besser und bewusster wird mein inneres Sehvermögen.

Der schlesische Dichter Angelus Silesius (1624-1677) sagte einmal: „Mensch, geh nur in dich selbst! Denn nach dem Stein der Weisen darf man nicht allererst in frem­de Lande reisen.” Oder an anderer Stelle: „Mensch, werde we­sent­lich, denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das We­sen, das besteht.“ Meine persönliche Erfahrung mit dem Predi­gen in freier Rede sagt mir: Wenn ich ganz bei mir selbst bin, au­thentisch und auf mich selbst konzentriert, ohne ständig nach der Erwartungs­haltung meiner Zuhörer zu schielen, dann fallen Be­fangen­­heit, Irritation und Zerstreutheit wie von selbst von mir ab. Zu diesem Per­sönlichkeits­kern als der wahren Quelle meines Ich kehre ich auch im Denken, im Beten und in der Betrachtung Gottes so oft wie möglich zurück. Da brauche ich niemandem etwas vor­zumachen. Wie sagte doch Mel Gibson in dem Spielfilm „Braveheart“ (USA 1995) vor der großen Entschei­dungs­­schlacht zu einem seiner Mitstreiter: „Sei einfach du selbst!“ Von Karl Valentin (1882-1948) stammt der Satz: „Morgen gehe ich mich besuchen. Hoffentlich bin ich zu Hause.“ Ähn­lich formulierte es der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart (1260-1328): „In unse­rem tiefsten Inneren, da will Gott bei uns sein. Wenn er uns nur da­heim findet und die Seele nicht ausgegangen ist mit ihren fünf Sinnen.“

Besonders bedeutsam erscheint mir auf dem Weg zu einer gesunden Selbstvergewisserung die Auseinandersetzung mit mei­nem verinnerlichten Elternbild, das der schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung (1875-1961) als „Imago“ bezeichnet hat. Mit Imago wird das innere, meist unbewusste Vorstellungsbild einer bestimm­ten Person bezeichnet, das auch nach der realen Begegnung mit die­ser Person in der Psyche fortlebt. Was könnte die Erlebniswelt und die Aussöhnung mit dem „inneren Kind“ nach Erika J. Chopich und Margaret Paul entscheidender prägen als die Beziehung zur eigenen Mutter sowie die Verinnerlichung ihrer Persönlichkeit? Immer wie­der entdecke ich im Dialog mit Kindern im Religionsunterricht, wie mein „Eltern-Ich“ gegenüber dem „Kind-Ich“ meiner Schüler durch­bricht und wie ich in Wortlaut und Tonfall, in Gestik und Timbre meine Eltern imitiere. Mein „Erwachsenen-Ich“ ist dazu he­raus­­gefordert, im Sinne der Transaktionsanalyse von Eric Berne (1910-1970) einen harmonischen Ausgleich hinzubekommen und meiner authentischen Persönlichkeit demgegenüber zur Entwick­lung und zum Durchbruch zu verhelfen. Dabei bin ich immer wieder erstaunt, wie stark die Persönlichkeitsanteile meiner Eltern noch heute in mir gegen­wärtig sind, und wie spannend es ist, diesen Persönlich­keits­anteilen nachzuspüren und mich empathisch in sie hineinzu­ver­setzen. Das ist äußerst befreiend und heilsam. Letzen Endes stellt sich mir aber dann die Frage: Wer bin ich – abzüglich meiner elterli­chen Prägungen? Abzüglich meiner Vorbilder und Idole, die ich entwicklungsgeschichtlich durch Imitationslernen in mich auf­genommen habe? Abzüglich meiner Rollen, die ich im Leben zu spielen habe? Und abzüglich meines Image, das ich pflegen muss, um in einer überkritisch gewordenen Öffentlichkeit bestehen zu können? Lebt mein wahres Ich überhaupt noch? Oder, mit einem Buchtitel des Philosophen Richard David Precht ausgedrückt: „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“

Eine klassische Antwort auf diese existentielle Provokation hält das Buch der Psalmen für mich bereit: „Bei Gott allein wird ruhig meine Seele.“ (Ps 62, 2) Vor Gott bin ich wahrhaft und authentisch Mensch, mit Leib und Seele. Ja, ich habe eine Seele. Sie ist mein wahres Ich, meine unverwechselbare Persönlichkeit, meine Individualität, mein Anteil an der göttlichen Unsterblichkeit, oder, mit Jean Paul (1763-1825) gesprochen: mein „Funke im Lebenslichtermeer Gottes.“ Ich bin mit Leib und Seele von Gott geschaffen, erkannt und anerkannt: „Du selbst hast mein Innerstes geschaffen, hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke. Dir waren meine Glieder nicht verborgen, als ich gemacht wurde im Verborgenen, gewirkt in den Tiefen der Erde. Als ich noch gestaltlos war, sahen mich bereits deine Augen.“ (Ps 139, 13-16) Gerade vor dem Hintergrund aller lebensgeschichtlich erworbenen multiplen Persönlichkeitsanteile erscheint mir die biblische Rede von der unsterblichen Seele, die im Gegenüber zu Gott und im Dialog mit Gott Gestalt gewinnt, so unendlich wertvoll. „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht.“ (Ps 36, 10) Meine Seele möchte sich wie ein Weizenkorn herausschälen aus den unzähligen Schichten, die sich um meinen Persönlichkeits­kern herum abgelagert haben. Vieles, was mich vor Gott mir selbst entfremdet hat, muss absterben, damit meine Seele leben kann. So verstehe ich das Gleichnis vom Weizenkorn: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ (Joh 12, 24-25)

Wie sagte doch der Herr am Kreuz zu Don Camillo: „Gott ist den Menschen überall gleich nah, Don Camillo. Hier scheint er dir nur näher zu sein, weil du dir selber näher bist.“ „Ich aber – Gott nahe zu sein ist mein Glück. Ich setze mein Vertrauen auf Gott den Herrn.“ (Ps 73, 28) Aus der Nähe zu Gott erwächst die Berufung, selbst zum Sprachrohr Gottes zu werden, ein Glied am Leib Christi, ganz und gar mit Gott verbunden: “Macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.” (Mt 10, 20)  Dazu passt ein Liedtext von Sarah Flower Adams (1805-1848), der leider nur bei Trauerfeiern gesungen wird, der aber, recht aufgefasst, ein wunderbares Lebens- und Überlebensmotto sein kann: „Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir! Drückt mich auch Kummer hier, drohet man mir, soll doch, trotz Kreuz und Pein, dies meine Losung sein: Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!“

Ulrich Manz

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