Herrlichkeit in Ewigkeit – Meditationen über das Vater unser

Vater unser im Himmel

Vater unser im Himmel

“Das Wichtigste aber ist, dass die Beziehung zu Gott auf dem Grund unserer Seele anwesend ist. Damit das geschieht, muss diese Beziehung immer neu wachgerufen werden und müssen die Dinge des Alltags immer wieder auf sie zurückbezogen werden. Wir werden umso besser beten, je mehr in der Tiefe unserer Seele die Ausrichtung auf Gott da ist. Je mehr sie der tragende Grund unserer ganzen Existenz wird, desto mehr werden wir Menschen des Friedens sein. Diese unser ganzes Bewusstsein prägende Orientierung, das stille Anwesendsein Gottes auf dem Grund unseres Denkens, Sinnens und Seins, nennen wir das immerwährende Gebet.” (Joseph Ratzinger über das Vater unser)

Vater unser im Himmel – Mit Jesus Christus beten wir dich als unseren gemeinsamen Vater an, als Quelle des Lebens, als Ursprung allen Seins. Du bist unser Vater und wir sind deine Kinder, Söhne und Töchter Gottes, Brüder und Schwestern in Christus. Auf einmal wird dieses namenlose Universum für uns zur Heimat, zu deiner guten und geliebten Schöpfung. Und aus Milliarden anonymer Menschenmassen wird eine Menschheitsfamilie, die sich von dir erkannt und geliebt weiß. Du bist unser Vater und unser Schöpfer. Der Ort, an dem du wohnst, ist der Himmel. Denn wer wie wir mit Christus betet, der lenkt sofort den Blick zum Himmel, hinauf zum Licht, hinein in die himmlische Weite, zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Dein Himmel, das ist unser Zuhause. Von dort sind wir, wie Christus einst, im ersten Augenblick unseres Daseins aus dir hervorgegangen, und fortan lebt und webt und atmet dein Heiliger Geist in uns, mit jedem Herzschlag und mit jedem Atemzug. Dorthin kehren wir am Ende unserer Tage zurück. Im Himmel findet alles seinen Ursprung, seine Mitte und sein Ziel, dort, wo du von Ewigkeit her unser Vater bist und in deiner unendlichen Weite und Klarheit Luft zum Atmen und Spielraum zum Leben schenkst.

Geheiligt werde dein Name – So sprechen wir als Menschen, die wie Jesus Christus in Gott verliebt sind. Dein Name ist uns kostbar. Indem wir deinen Namen heilig halten, heilt und heiligt dein Name unsere Seele. Indem wir deinen Namen preisen, bekommst du als Gott für uns ein unverwechselbares Gesicht, eine Persönlichkeit, ein Gegenwärtigsein, das du bereits dem Mose am brennenden Dornbusch geoffenbart hast, als du sagtest: Ich bin, der ich bin. Ich bin schon immer da. Ich bin da für euch. Ich bin ich selbst. Ich bin euch Menschen offenbar. Ich wende mich euch zu. Wir können nur staunen und anbeten, indem wir deinen Namen in einem lebendigen Gottesbewusstsein wachrufen und wachhalten. Deinen Namen zu heiligen bedeutet für uns, in deiner höchstpersönlichen Nähe und Gegenwart zu bleiben, wach und aufmerksam zu sein, eben weil du da bist und täglich neu als der unverwechselbare eine Gott auf uns zukommst. Gott, dein Name ist unsere Zukunft.

Dein Reich komme – Gott, du Schöpfer des Himmels und der Erde, du schautest deine Schöpfung an und sagtest: Siehe, alles ist sehr gut. Du willst in deiner Schöpfung gegenwärtig sein, vom Ursprung her und bis ans Ende der Zeiten. In deiner Schöpfung bist du als ihr Schöpfer gegenwärtig, durch deinen Schöpfergeist, mit dem du alles so weise durchdacht hast, durch deine Herrlichkeit, mit der du deine Schöpfung so majestätisch und unvergänglich strahlend vergoldest. Voll Huld und Gnade wendest du dich deiner Schöpfung zu. Deine immerwährende Liebe wärmt das Leben auf dieser Welt von innen her. Deine Barmherzigkeit heilt die Wunden unserer Schuld und gibt uns Mut, vor dir zu wachsen und zu reifen. Du willst alles Geschaffene durchdringen, aufbauen, erfüllen und verklären. Dein Reich kommt jeden Augenblick zu uns, weil du beständig in deine Schöpfung hineinreichst, sie bereicherst und erfüllst. Dein Einfluss möge immer weiter reichen und alles Geschaffene durchdringen, wie die Sonne, die alles mit Leben und Wärme erfüllt, und wie die Lebenskraft, die alles auf Erden wachsen und erblühen lässt.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden – Wie tröstlich ist uns der Gedanke, dass diese Welt und alles in der Unendlichkeit des Universums von dir gewollt ist. Ja, es war dein Wille, dass die Finsternis des Chaos dem Licht des Kosmos gewichen ist. Es ist und bleibt dein Wille, dass das Leben auf dieser Welt beständig weitergeht. Dein Wille gibt allem Geschaffenen Mut zum Leben und vor allem auch Freude am Leben. Und jedes Mal, wenn unser kleiner menschlicher Wille mit deinem großen schöpferischen Willen harmoniert, geschieht eine neue Schöpfung, eine Sternstunde des Heiligen Geistes. Auch hier ist uns Jesus Christus ein Vorbild, der in seinem Leben stets danach strebte, deinen göttlichen Willen zu erfüllen. Lass uns deinen Willen, der so unsichtbar und doch so machtvoll alles bis ins kleinste Detail am Leben erhält, mit allen Sinnen aufnehmen. Wir können deine Schöpfung als Manifestation deines beständig anwesenden Willens durchdenken, erkennen und wollen, eben weil dies Schöpfung von dir selbst durchdacht, erkannt und gewollt ist. Mit Eduard Mörike bekennen wir: “Das ist die große Stille, die über allen Stürmen siegt, dass eines Menschen Wille in Gottes Willen liegt.”

Unser tägliches Brot gib uns heute – Ja, auch das ist wahr: Wir brauchen deine Hilfe und deine göttliche Fürsorge, in jedem einzelnen Augenblick unseres Daseins. Demütig bitten wir dich um unser tägliches Brot, weil unser eigener Hochmut uns sonst verhungern ließe. Wie oft sind wir unfähig, das Brot miteinander zu teilen. Jeder denkt nur an sich selbst. Doch du bist anders, Gott. Dir ist es eine Freude, deine milde Hand zu öffnen und reichlich zu schenken, was wir zum Leben und zum Überleben brauchen. Du bist ein Gott, der nicht nur auf geistige Weise aufbaut, sondern der tatsächlich und täglich ernährt, der uns im Dasein hält. Du bist der nahe und gegenwärtige Gott, nicht nur der Gott der Väter oder der Gott der Zukunft allein, sondern in allem der Gott der Gegenwart. Du Gott bist ein heutiger Gott, jeden Tag neu, ewig jung, nicht fern und fremd, sondern hochaktuell, stets am Augenblick interessiert, voll schöpferischer Leichtigkeit, wie eine Melodie, die aus dem Augenblick heraus erklingt, um im nächsten Moment wiederum ganz anders und dennoch treffend dem Gegenwärtigen gerecht zu sein. Wie dankbar können wir dir sein, weil du uns frisches und köstliches Himmelsbrot bist, weil du uns nährst mit deinem Wort, mit deinem Heiligen Geist, mit deiner Gegenwart. Wir dürfen wahrhaftig und aufrichtig zugeben, dass wir auf deine ernährende Hand angewiesen sind, auf deinen Lebensatem, auf deine lebensspendende Energie. Es tut uns gut, dieses Band der Verbundenheit mit dir auf Gedeih und Verderb wahrzunehmen und anzunehmen. Denn nur so bleiben wir am Puls deiner göttlichen Gegenwart. Nur so kann in uns der Lebenskreislauf deines schöpferischen Willens fließen. Mitten in unserem Menschsein geht uns da Göttliches auf, auf das wir angewiesen und auf das wir zurückverwiesen sind, wie Wesen, die zum ersten Mal über ihren Bauchnabel nachgedacht haben und begreifen, dass sie sich nicht selbst erschaffen haben, sondern dass sie von einer höheren Weisheit und Liebe gewollt sind. Wir bitten also um das tägliches Brot und sagen zugleich Ja zu deinem Auftrag, zu deiner Berufung für uns Menschen: zu wachsen, alles Leere mit Sein zu erfüllen, in deiner Gegenwart groß zu werden und geistig immer weiter zu erwachen.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern – Nichts kann die Wunden unseres sterblichen, gefährdeten und zerbrechlichen Menschendaseins besser heilen, nichts vermag die Nöte der Seele besser zu lindern, nichts die Befangenheit eines schlechten Gewissens nachhaltiger zu erlösen und zu befreien als das Eingeständnis unserer Schuld. Aus eigener Schuld und eigener Gedankenlosigkeit heraus sind wir achtlos an deiner göttlichen Gegenwart vorübergegangen. Den Glanz deines Angesichts haben wir schlicht und einfach übersehen. Wir waren blind für die Herrlichkeit des Wahren, Guten und Schönen in deiner Schöpfung. Dabei war Jesus Christus als dein eingeborener Sohn, als dein göttliches Wort und dein prophetischer Gesandter mitten unter uns. Vergib uns unsere Schuld, wo immer wir dein lebensspendendes Wort überhört und das Wirken deines Heiligen Geistes übersehen haben. Die größte Schuld, so bekennen wir vor dir, ist diese unselige Gleichgültigkeit deinem göttlichen Wirken gegenüber, wo du doch wünschtest, dass wir alle lebendige Glieder am Leibe Christi sein sollten, sozusagen dein verlängerter Arm, um diese so hilfsbedürftige Welt zu heilen. Lass uns aufs Neue dein Sprachrohr werden, um unseren Mitmenschen Vergebung, Huld und Gnade vom Himmel her zuzusprechen und sie wieder aufzurichten. Aus eigener Schuld heraus lassen wir immer wieder ein Vakuum zwischen Dir und uns entstehen. Wir ziehen uns von Dir zurück. Auf dem Weg zu Deinem Herzen ist Luft in unsere Venen gelangt. Das Konto unseres Wachstumspotentials steht dick im Minus. Vergebung bedeutet, dieses Vakuum zu sehen, es schmerzlich wahrzunehmen und uns Dir von Neuem hoffnungsfroh und zuversichtlich entgegen zu strecken. Wir wollen die Lücke mit gottgewolltem Leben füllen, auf dass Dein Reich wachse. “Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.” (Phil 3, 13-14)

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen – Gott, deine Weisheit kennt keinen Unsinn, keine Verwirrungen, keine Boshaftigkeit, nichts Destruktives, kein Chaos, keine mutwillige Zerstörungswut. Du bist der Schöpfer höchstpersönlich, nie enden wollende Kreativität, immer reich an Ideen darüber, wie das Leben vorangebracht und gerettet werden kann. Aber wie groß ist für unseren kleinen und schwachen menschlichen Willen die Versuchung, der Zerstörungswut nachzugeben, dreinzuschlagen, zu zerstören, zu vernichten, einfach aus Lust und Laune, vielleicht auch aus Rachsucht und Unbeherrschtheit. Wir sind in Gefahr, die Welt um uns herum, unsere Mitmenschen und uns selbst zu zerstören, und wir brauchen tragischer Weise nicht einmal einen Grund dafür. Es geschieht einfach so, selbstmörderisch, ins Chaos der Vernichtung stürzend. Die kirchliche Tradition stellt gegen die vier göttlichen Tugenden von Glaube (fides), Liebe (caritas) und Hoffnung (spes) sowie gegen die vier Kardinaltugenden von Gerechtigkeit (iustitia), Mäßigung (temperantia), Tapferkeit (fortitudo) und Klugheit (prudentia) die sieben Todsünden von Eitelkeit (superbia), Geiz (avaritia), Wollust (luxuria), Jähzorn (ira), Völlerei (gula), Neid (invidia) und Faulheit (acedia). Das ist die große Versuchung des Bösen, von der du uns in deinem göttlichen Ratschluss und in deiner göttlichen Vorsehung erlösen mögest. Jesus Christus hat uns ein leuchtendes Beispiel gegeben, als er einmal in der Wüste in Versuchung geführt wurde. Das Böse stand geradezu leibhaftig vor ihm und schob ihn bedrohlich nahe an den Abgrund. Ein Schritt noch, und alles wäre vorbei gewesen, das Leben weggeworfen wie eine Puppe, derer ein gelangweiltes Kind überdrüssig geworden ist. Doch da erhob sich dein lebensspendender, lebensbejahender und das Leben durchtragender Geist in deinem Sohn Jesus Christus, auf dass dieser Geist sich fortpflanzen möge in allen seinen Söhnen und Töchtern: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Gott allein sollst du dienen. Lass der Not keinen Schwung. Gib dem Bösen keinen Raum in deinem Leben. Du ewig lebendiger Gott, erlöse uns von dem Bösen. Mit dir an unserer Seite können wir das Böse überwinden. Mit dir zusammen können wir gegen das Böse angehen. Als Teil deines göttlichen Wesens und Wirkens in dieser Welt können wir das Böse abwerfen wie ein guter und gesunder Weinstock, der stets danach strebt, Frucht zu bringen, auch wenn die dürren Zweige und abgestorbenen Äste sein Wachstum zu bedrohen scheinen. Das letzte Wort hat dennoch die göttliche Schöpferkraft des Seins. Das Böse und Zerstörerische jedoch, sie fallen ins Nichts. So bitten wir: Erlöse uns von dem Bösen! Löse die Fesseln unserer Gewalttätigkeit und lass uns täglich neu auferstehen zu deinem herrlichen, unvergänglichen, ewigen Leben!

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit Amen – Du guter Gott, wir danken dir aus ganzem Herzen, dass du uns so nahe bist, wie dein geliebter Sohn Jesus Christus uns dies geoffenbart hat: wie ein barmherziger Vater, wie ein guter Hirte, wie ein Vater, der sich seiner Kinder erbarmt. Dein ist das Reich, das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. Dein ist das Reich und es möge jeden Tag wachsen und an Bedeutung zunehmen. Dein ist das Reich, eine Bereicherung und Verlebendigung deiner Schöpfung, auf dass sie immer mehr dein ganz persönliches Kunstwerk, deine göttliche Symphonie, dein von lebendigem Gottesbewusstsein durchdrungener Schöpfungsleib werde. Ja, Kraft geht von dir aus, göttliche Lebenskraft, unsterbliche Energie. Wo dein Lebensatem, dein Heiliger Geist und deine göttliche Gegenwart die Schöpfung durchdringen, da erfahren wir den überbordenden Reichtum dessen, was wir als Herrlichkeit wahrnehmen. Dies ist die unendlich hohe und erhabene, edle und klare, feierliche und makellose Wesensart, die du mit deiner Nähe zu deiner Schöpfung wie einen goldenen Schimmer über alles legst, voller Zuneigung zu allem Lebendigen, voller Schönheit und Pracht, voller zuvorkommender Bereitschaft, uns gnädig und wohlwollend zu begegnen. Dass dies von Ewigkeit her auf uns zukommt und so unser ewiges Ziel ist, das macht uns so glücklich und froh. Ja, so sei es. Amen.

Ulrich Manz

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.