Ein Morgen auf dem Rossfeld

Ein Morgen auf dem Rossfeld

Ein Morgen auf dem Rossfeld

Figuren haben manchmal ihre ganz eigene Geschichte. Die Figur des Auferstandenen zum Beispiel fristet im Lauf des Kirchenjahres ein höchst wechselvolles Dasein. Zehn Monate lang steht sie dunkel und verborgen im Sakristeischrank. Kommt dann das Osterfest heran, dann bildet sie den glanzvollen Mittelpunkt des Altarraums. Dann singen wir vor ihr das österliche Halleluja und wir erfreuen uns an der kraftvollen Darstellung des Auferstandenen in Rot und Gold, mit einer großen Siegesfahne in der Hand. Christus hat den Tod besiegt. Er ist auferstanden inmitten seiner Gemeinde.

Das Sonnenlicht sieht diese Figur jedoch nie, anders als etwa die Monstranz, die während der Fronleichnams-prozession durch die Straßen unserer Stadt getragen wird. Es wäre traurig, wenn der Auferstandene und mit ihm unser Glaube an die Auferstehung nur wenige Wochen im Jahr Hochkonjunktur hätte, ansonsten aber im stillen Kämmerlein versauern würde. Ist nicht jeder Sonntag, ja sogar jeder einzelne Tag in unserem Leben ein Fest der Auferstehung? An einem Morgen in der Osterwoche habe ich die Figur des Auferstandenen hinaufgetragen auf das Rossfeld, hoch über den Dächern von Oettingen. Ein Felsbrocken stand da, und hinter ihm ein leeres Kreuz. Das war für mich der ideale Ort für einen Ausflug der Christusfigur, auf dass sie auch einmal das Tageslicht sehen und mitten in der Welt von heute zu stehen kommen möge. Inmitten der freien Natur, unter einem weißblauen Himmel, begleitet vom Gesang der Vögel und eingebettet in die frischen Blüten und Gräser des aufstrebenden Frühlings, stand er nun da, der Auferstandene. Fast so wie damals am Ostermorgen, oder wie ein Weggefährte jener Jünger, die voll Angst und Trauer nach Emmaus unterwegs waren. Die Symbolik des Auferstandenen spricht mich an. Seine Wundmale erinnern mich daran, dass auch wir unsere Wunden tragen und sie in der Nachfolge Christi aushalten  und durchtragen können. Die segnende Friedensgeste seiner rechten Hand mahnt zu Frieden und Versöhnung inmitten einer von Krieg und Streit zerrissenen Welt. Seine Siegesfahne gibt mir Mut. Denn so hat es uns Christus vorhergesagt: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis. Aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.“ (Joh 16,33)

Ulrich Manz

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