Christi Geburt und die Logik des Lebens

Krippenkind in St. Sebastian Oettingen

Krippenkind in St. Sebastian Oettingen

„Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens.“ (1 Joh 1, 1) So beschreibt die Bibel in ihrem ersten Johannesbrief die Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Der Brief sagt nicht nur, dass Gott in Jesus Christus gehört, gesehen und angefasst werden konnte. Er sagt damit auch, dass die gesamte Schöpfung, also das, „was von Anfang an war“, eine einzigartige Offenbarung Gottes ist: „In allem ist dein unvergänglicher Geist.“ (Weish 12, 1) „Das Wort des Lebens“, das die Jünger Jesu verkündet haben, heißt im griechischen Original Logos. Man könnte im modernen Sprachgebrauch auch sagen: Die Logik des Lebens ist offenbar geworden.

Das Leben ist in sich stimmig und logisch, sehr weise und sehr gut durchdacht, und das kann man wahrnehmen. Man kann es sehen, wenn man einen Blick dafür hat: „Herr, wie zahlreich sind deine Werke! Mit Weisheit hast du sie alle gemacht.“ (Ps 104, 24) Mit einem Mal geht einem auf, warum die Bibel diese Logik des Lebens als Licht beschreibt, das jeden Menschen erleuchtet, als Wahrheit und als Herrlichkeit (vgl. Joh 1, 1-18). Jedoch ist diese Logik des Lebens gefährdet, weil sie gegen das Lebensfeindliche, gegen Zerstörungswut und Bösartigkeit ankämpfen muss. Deshalb fühlten sich die Jünger Jesu von Anfang an dazu berufen, „Zeugnis abzulegen für das Licht.“ (Joh 1, 7) Und auch das ist wahr: Es gibt zu allen Zeiten Menschen, die taub und blind sind für die Logik des Lebens. Deshalb heißt es vom göttlichen Logos: „Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1, 10-11)

Mich fasziniert an dieser biblischen Botschaft immer wieder aufs Neue, dass der Gott, von dem sie spricht, Wesenszüge besitzt, die in der uns umgebenden Schöpfung tatsächlich wahrgenommen werden können. Dazu gehört beispielsweise die Wahrnehmung einer ganz bestimmten und einzigartigen persönlichen Nähe. Gott ist mir nahe und gegenwärtig. Er scheint mit mir mitzudenken und mich auf unsichtbare Weise zu schützen. Paulus sagt: “Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlicheit Gottes, unseres Erlösers.” (Tit 3, 4) Das hat etwas Heiliges und Erhabenes, unendlich weit und dennoch sehr vertraut. Dazu gehört aber auch eine ganz bestimmte Ausstrahlung, die von allen geschaffenen Dingen ausgeht, sozusagen die Handschrift des Schöpfers, die an seiner Schöpfung eindeutig erkannt werden kann. Die Bibel nennt diese Ausstrahlung „Herrlichkeit“ und „Gnade“, eben weil das Herz entzückt sein kann von dieser wohldurchdachten Schöpfungsordnung, und weil es davon berührt ist, wie gut, wie gnädig und barmherzig Gott uns alle in den Mantel seiner Schöpfung einhüllt. Es ist dies die göttliche Weisheit selbst, von der es heißt: “Sie wird mich in ihrem Lichtglanz schützen.” (Weish 9, 11) Die mittelalterliche Scholastik nannte dieses Phänomen „den Glanz der schönen Form“ (lat. splendor formae).

So krönt das Johannes-Evangelium seine Beschreibung der Offenbarung Gottes in Jesus Christus mit den Worten: „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1, 14) Was an Glanz und Herrlichkeit in jedem Detail der Schöpfung liegt, das zeigte sich dem Apostel Paulus auf besondere Weise in der Begegnung mit dem auferstandenen Christus: „Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi.“ (2 Kor 4, 6) Alle, die an Jesus Christus glauben und auf seinen Namen getauft sind, sehen in Christi Geburt, in seinem Leben, seiner Botschaft, seinem Sterben und seiner Auferstehung trotz aller Gegensätze und scheinbaren Widersprüche den lebendigen Gott ganz und gar gegenwärtig. Christi Geburt hat die Logik des Lebens mit ihrer ganzen Durchsetzungskraft und letzten Unzerstörbarkeit aufs Neue zum Leuchten gebracht. Dieses einmalige Aufblühen einer völlig neuen Art, Mensch zu sein, ja sogar, Gott gleich zu sein (vgl. Phil 2, 6), leuchtet seither wie ein strahlender Morgenstern am Firmament unserer oft so zerbrechlichen und gefährdeten menschlichen Existenz.

Nun liegt es an uns, der Logik des Lebens als vernunftbegabte Lebewesen täglich neu zum Durchbruch zu verhelfen. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Sinn des Lebens darin begründet ist, dass Gott im großen Ganzen seiner Schöpfung wie auch im Innersten jedes einzelnen Menschen Gestalt annimmt, dass er sich selbst zu Bewusstsein kommt und im Werden, Sein und Vergehen seiner Schöpfung immer mehr er selbst wird. Es muss Gott eine unbändige Freude sein, seine Schöpfung mit Wohlwollen zu betrachten, sie täglich neu zu bedenken, sie durchzudenken, sie mit Lebenskraft zu durchströmen, sie zu wollen, sie zu lieben. Der Apostel Paulus fasst diese besondere Nähe Gottes zu seiner Schöpfung und zu uns Menschen als Akt der Versöhnung auf, ebenso heilsam wie beglückend.  Er sagt: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er ihnen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet hat. Wir sind also Gesandte an Christi statt und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (2 Kor 5, 17-20)

Ulrich Manz

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