75 Jahre Bombenangriff auf Oettingen

Kreuz aus Bombensplittern vom Bombenangriff 1945

Kreuz aus Bombensplittern vom Bombenangriff 1945

Beim Gedenkgottesdienst für die Opfer des Bombenangriffs auf Oettingen am 23. Februar 1945, der sich heuer zum 75. Mal jährt, hielt Stadtpfarrer Dr. Ulrich Manz in der Stadtpfarrkirche St. Sebastian die Sonntagspredigt. Er sagte: “Während des Zweiten Weltkriegs ereignete sich an der russischen Front die folgende bezeugte Begebenheit: Ein deutscher Soldat hatte sich bei Nacht und Nebel in einer vorderen Gefechtslinie eingegraben, ohne genau zu wissen, wo er sich befand. Dasselbe tat zur gleichen Zeit ein russischer Soldat. Keiner von beiden konnte ahnen, wie nahe der Feind war. In der Morgen­dämmerung des nächsten Tages entdeckten sie sich auf einmal, genau gegenüber, keine hundert Meter voneinander entfernt.

Der deutsche Soldat legte sein Gewehr an und tastete vorsichtig nach dem Abzugshahn. Im gleichen Augenblick machte der russische Soldat instinktiv und in Todesnot ein Kreuz über Kopf und Brust. Der Deutsche stutzte, und etwas von Verwunderung und Ergriffenheit stieg in ihm auf. Er ließ den Abzugshahn los und machte ebenfalls ein Kreuz. Der Russe und der Deutsche lächelten einander an. Es muss ein erschütterndes Erlebnis gewesen sein. Wenigstens für einen Moment herrschte in diesem Frontabschnitt Friede. Friede mitten im Krieg.

In Oettingen war es vor 75 Jahren genau umgekehrt: Krieg mitten im Frieden, im vermeintlichen Frieden eines ganz normalen Februartages. In den frühen Morgenstunden des 23. Februar 1945 starteten auf Flug­plätzen in Südengland zwölf Bombergruppen der amerikanischen Luftwaffe mit 452 Bombern zum Angriff auf insgesamt vierundzwanzig deutsche Städte, darunter Crailsheim, Ansbach, Schweinfurt, Würzburg, Weimar, Fulda, Paderborn, Osnabrück und Oettingen. An diesem Freitag fiel um 12.30 Uhr der Bombenhagel auf Oettingen, legte ein ganzes Stadtviertel in Schutt und Asche und löschte 199 Menschenleben aus, darunter 73 männliche und 126 weibliche Personen.

Wenn wir heute der Opfer des Bombenangriffs auf Oettingen gedenken, dann verbindet sich die Trauer über die Einzel­schicksale so vieler Oettinger Familien mit dem Entsetzen über die zerstörerische Wucht des Kriegsgeschehens: So viele Tote und Schwerverletzte, Häuserruinen, zerborstene Straßen. Aus der Erinnerung an das Unfassbare, das damals geschehen ist, steigt bis in unsere Tage eine Botschaft auf, die unzählige Kriegsheimkehrer bereits nach dem Ersten und erst recht nach dem Zweiten Weltkrieg ausgerufen haben: „Nie wieder Krieg!“ Nehmen wir uns die beiden Soldaten zum Vorbild, den Russen und den Deutschen, die einander an der Front gegenüberstanden. Auch heute noch gilt: Finger weg vom Abzug! Nieder mit den Waffen! Feindbilder und Vorurteile, Abschreckung und Drohgebärden gilt es zu überwinden, in der großen Politik genauso wie im zwischenmenschlichen Alltag. Bauen wir lieber auf das Gemeinsame, wie die beiden Soldaten, die im Zeichen des Kreuzes ihren gemeinsamen christlichen Glauben wiederentdeckt haben, sei er nun russisch-orthodox oder römisch-katholisch. Im gemeinsamen Beten und Hoffen werden wir die Wunden der Vergangenheit heilen und Mut für eine bessere Zukunft finden.

Stadtpfarrer Josef Briechle, der von 1899 bis 1984 gelebt hat, stand zwei Tage nach dem Bombenangriff auf der Kanzel der Stadtpfarrkirche, um beim Sonntagsgottesdienst zu predigen. Mit einem Originalzitat aus seiner Predigt möchte ich schließen: „Wie sind wir aus der schaurigen, im Bombenhagel wankenden Tiefe unserer Keller und Häuser emporgestiegen, um noch Schaurigeres zu sehen: Ruinenfelder und zwischen Ruinenfeldern Menschenruinen in Staub und Elend und Wunden und verschüttet. Wie ein Heilandsweg war der Weg des Krankensakramentes von Bahre zu Bahre, dort mitten auf der Straße der sterbende junge Ministrant, hier Mutter und Tochter mit schweren Verletzungen, dort betende fragende Männer, durch die langen Reihen der auf Bahren und Betten stöhnenden Menschen. Dazwischen klingt unsere Klage über die vielen Toten. Nun lasst die Liebe siegen in diesen Tagen der Zerstörung und der Wunden. Jetzt ist wichtig das Wort aus der Fastenliturgie: Brich dem Hungrigen dein Brot, führe Obdachlose in dein Haus, wo du einen unbekleidet siehst, da bekleide ihn und verachte nie deinen Mitmenschen. Dann wird dein Licht wie ein Morgenrot hervorbrechen. Brüder und Schwestern, aus diesen Ruinen soll wachsen ein neuer starker Glaube, eine neue Demut und wahre Liebe, ein Licht aus der Seele wie ein Morgenrot.“

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