Durch Christus mit Gott verbunden

Jesus in Gethsemane unter den Händen Gottes - Glasmalerei in Gotland

Jesus in Gethsemane unter den Händen Gottes – Glasmalerei in Gotland

„Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach es und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“ (Lk 22, 19-20) Diese so genannten Einsetzungsworte Jesu Christi beim letzten Abend­mahl gehen einem Priester im wahrsten Sinne des Wortes in Fleisch und Blut über, weil er sie stellvertretend für Christus (lat. in persona Christi) sein ganzes Priesterleben lang bei der täglichen Feier der Eucharistie vorträgt. Da bleibt viel Zeit, um über den tieferen Sinn dieser Worte nachzudenken.

Wer die Einsetzungs­worte nur ober­flächlich oder symbolisch auffasst, als wären sie nebensächliches Beiwerk wie eine Tischrede, der hat meines Erachtens eine Chance vertan, in die Spiritualität des Herrn tiefer einzusteigen. Gemäß dieser Worte gibt es einen neuen Bund, einen Bund zwischen Gott und Mensch, den Christus mit Leib und Blut verkörpern und an dem er seine Jünger teilhaben lassen wollte. Die eine Hand des Herrn ergreift die Hand Gottes im Himmel, und die andere Hand streckt sich nach seinen Jüngern aus, damit er sie an sich ziehe und näher zu Gott hin führe. „Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“ (Joh 12, 32) Es geht bei den Einsetzungs­worten jedoch nicht nur um eine Rettungskette, sondern um eine völlig neue Existenzweise. Wer den Leib Christi in sich aufnimmt und als Glied am Leib Christi an dessen Hingabe teilnimmt, um das lebens­feindliche Böse in der Welt zu besiegen, die Sünde und den Tod, der ist damit zu einem neuen Menschen geworden, „der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heilig­keit.“ (Eph 4, 24) Wer das Blut Christi in seinen eigenen Adern fließen spürt und dazu bereit ist, sich um dieses neuen Bundes willen wie Christus hinzugeben, wird in Tat und Wahrheit Diener dieses neuen Bundes (vgl. 2 Kor 3, 6) und „Mitarbeiter für die Wahr­heit“ (3 Joh 8) des Gottmenschen Christus Jesus, des fleischgeworde­nen ewigen Bundes zwischen Gott und den Menschen. Einen sol­chen Akt der existentiellen Empathie beschriebt Paulus in seinem per­sön­li­chen Glaubenszeugnis: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal 2, 20) „Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen spre­chen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir bre­chen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“ (1 Kor 10, 16-17) Als Ergänzung dazu fehlt eigentlich nur noch ein Wort Jesu Christi aus dem Johannes-Evangelium: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“ (Joh 15, 5) Die poetische Auslegung dieses neuen Bundes findet sich in dem Text des Weihnachtschorals „Zu Betlehem geboren“, der Friedrich von Spee zugeschrieben wird: „Dich wahren Gott ich finde in meinem Fleisch und Blut; darum ich fest mich binde an dich, mein höchstes Gut. Dazu dein Gnad mir gebe, bitt ich aus Herzensgrund, dass dir allein ich lebe jetzt und zu aller Stund. Lass mich von dir nicht scheiden, knüpf zu, knüpf zu das Band der Liebe zwischen beiden, nimm hin mein Herz zum Pfand.“

Vor diesem Hintergrund sollte auch die theologische Streitfrage gelöst werden, ob die Einsetzung der Eucharistie beim letzten Abend­mahl nun eher gemeinschaftsstiftenden Mahlcharakter oder in erster Linie Opfer­charakter trägt, als Opfer des neuen Bundes, in dem Christus als das Lamm Gottes die Sünde der Welt hinweg­nimmt. (vgl. Joh 1, 29) Meines Erachtens kann keiner der beiden Charakterzüge weggelassen werden, ohne die Worte Jesu Christi zu verflachen. Ließen wir den Mahlcharakter weg, dann würden wir den ein­deutigen Auftrag „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22, 19) und mithin das weite Feld der Nachfolge Christi mit Mahl­gemeinschaft und daraus erwachsender tätiger Nächstenliebe auf­geben. Wenn die Eucharistie keinen gemeinschaftsstiftenden Mahl­charakter mehr haben dürfte, wäre sie nicht Christus gemäß. Dasselbe gilt jedoch auch für ihren Opfercharakter. Ließen wir den Opfercharakter weg, dann fehlte die so wertvolle Erinnerung und Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Jesu Christi, ja überhaupt die ganze Fülle der Opfertheologie des Neuen Testaments. Besonders eindrücklich formuliert dies der Hebräerbrief: „Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Hingabe des Leibes Jesu Christi geheiligt – ein für alle Mal. Und jeder Priester steht Tag für Tag da, versieht seinen Dienst und bringt viele Male die gleichen Opfer dar, die doch niemals Sünden wegnehmen können. Dieser aber hat nur ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht und sich dann für immer zur Rechten Gottes gesetzt; seitdem wartet er, bis seine Feinde ihm als Schemel unter die Füße gelegt werden. Denn durch ein einziges Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer zur Vollendung geführt. Das bezeugt uns auch der Heilige Geist; nachdem er gesagt hat: Dies ist der Bund, den ich nach diesen Tagen mit ihnen schließen werde – spricht der Herr: Ich lege meine Gesetze in ihr Herz und schreibe sie in ihr Denken hinein; und: An ihre Sünden und Übertretungen denke ich nicht mehr. Wo also die Sünden vergeben sind, da gibt es kein Opfer für die Sünden mehr. So haben wir die Zuversicht, Brüder und Schwestern, durch das Blut Jesu in das Heiligtum einzutreten. Er hat uns den neuen und lebendigen Weg erschlossen durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch. Und da wir einen Hohepriester haben, der über das Haus Gottes gestellt ist, lasst uns mit aufrichtigem Herzen und in voller Gewissheit des Glaubens hinzutreten, die Herzen durch Bespren­gung gereinigt vom schlechten Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser!“ (Hebr 10, 10-22)

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