Abschied der Dillinger Franziskanerinnen aus Oettingen

Franziskuskreuz von Assisi

Franziskuskreuz von Assisi

Seit dem Jahr 1872 führte der Orden der Dillinger Franzis­kanerinnen das von Stadtpfarrer Anton Reichens­perger gegrün­dete Kinder­heim in der Oettinger Leder­gasse. In dieser Zeit prägten die Schwes­tern das Leben der Stadt Oettin­gen auf viel­fältige Weise. Sie unterrichteten in der Mädchen­schule und Hand­arbeitsschule, leiteten den katho­li­schen Kindergarten und leisteten über Jahr­zehnte un­schätz­bare Dienste in der ambulan­ten Krankenpflege. Dankbar blicken wir auf 146 Jahre zurück, in denen die Ordens­frauen in Oettingen und Umgebung tatkräftig ge­wirkt haben. Zum 30. November 2018 tritt Schwester Man­sueta Peschel nach 33 Jahren im Oettinger Kinderheim in den wohlverdienten Ruhe­stand. Das bedeutet eine Zäsur für den Kinder­heim-Förderverein, für die Kinder, für das Perso­nal des Kinderheims und für alle, die dem Kinder­heim über viele Jahre treu verbunden waren. Mittler­weile hat die Lebens­hilfe Nörd­lingen die Träger­schaft für das Kinder­heim Oettingen über­nommen und wir sind dankbar, dass das Werk der Schwes­tern in eine gute Zukunft geführt werden kann. Ein besonderer Dank gilt Herrn Christian Zuber, der selbst im Kinderheim aufgewachsen ist und als 1. Vorsitzender des Kin­der­heimvereins den Übergang zur Lebens­hilfe Nördlingen uner­müdlich mitgestaltet hat. Aus diesem Anlass feierte die Stadt­pfarrei St. Sebastian am 11. November 2018 einen feierlichen Dank­gottesdienst in Kon­zele­bration mit Pater Paul Kalapurackal, ge­stal­tet vom Kirchen­­chor unter der Leitung von Elisabeth Laznicka. Wir wün­schen Schwester Mansueta, für ihre Zu­kunft im Kloster Maria Medingen bei Dillingen Gottes Segen, bedanken uns für ihren selbstlosen und engagier­ten Dienst und hof­fen, dass wir sie in Zukunft bei mög­lichst vielen Urlaubs­aufenthalten in Oettingen begrüßen dürfen.

In seiner Predigt am 11. November 2018 in St. Sebastian sagte Stadtpfarrer Dr. Ulrich Manz: “Das beherrschende Bild in dem kleinen Kirchlein San Damiano vor den Toren Assisis war ein gemaltes Tafelkreuz. Es soll in der ostkirchlichen Art der Ikonen von einem unbekannten syrischen Mönch um 1150 angefertigt worden sein. Das Kreuz hängt heute in der Basilika Santa Chiara in Assisi. Thomas von Celano berichtet 1248 in der so genann­ten Dreigefährtenlegende: „Als Franziskus an der Kirche San Damiano vorbeiging, wurde ihm im Geiste gesagt, er solle zum Beten hineingehen. Er betrat die Kirche und begann, innig vor einem Bild des Gekreuzigten zu beten, das ihn liebevoll und gütig ansprach, indem es sagte: Franziskus, siehst du nicht, dass mein Haus in Verfall gerät? Geh also hin und stelle es mir wieder her! Zitternd und staunend sprach Franziskus: Gerne, Herr, will ich es tun. Er meinte nämlich, dass sich das Wort auf jene Kirche San Damiano beziehe, der wegen ihres sehr hohen Alters ein baldiger Einsturz drohte. Jene Anrede aber erfüllte ihn mit so großer Freude und erleuchtete ihn mit so hellem Licht, dass er Christus, den Gekreuzigten, der zu ihm gesprochen hatte, wahrhaft in seinem Herzen fühlte.“ Später betete Franziskus vor dem Kreuz: „Höchster, lichtvoller Gott, erleuchte die dunkle Nacht in meinem Herzen. Gib mir einen Glauben, der aufrichtet; eine Hoffnung, die Halt gibt; eine Liebe, die Maß nimmt an der Liebe Jesu Christi, deines Sohnes; eine Erkenntnis, die weiterführt; einen Sinn, der alles durchdringt. Lass mich die Würde erfahren, die du mir schenkst, und die Aufgabe erfüllen, die du mir zugedacht hast!“ Sie, liebe Schwester Mansueta, und Ihre Mitschwestern haben in der Tat die Aufgabe erfüllt, die Ihnen der Herr zugedacht hat, und Sie haben dabei im Sinne des Evangeliums vom Scherflein der armen Witwe „alles gegeben“, was Sie hatten, Ihren ganzen Lebens­unterhalt. Ihren Lebensmittelpunkt, Ihren Lebenslauf und Ihre Lebens­erfüllung haben Sie ganz in das Wohl und die Begleitung der Kinder investiert, die Ihnen anvertraut waren. Danke dafür!

Aber auch etwas anderes haben Sie getan, von dem in der Franziskuslegende die Rede ist. „Siehst du nicht, dass mein Haus verfällt? Stelle es mir wieder her!“ Diesen Ruf haben Sie wie Ihr Ordensgründer zunächst wörtlich genommen. Franziskus hat für das Kirchlein San Damiano Steine und Baumaterial besorgt, und Sie haben über Jahrzehnte die Bausubstanz des Kinderheims gehegt und gepflegt, Fassaden und Fenster erneuert und die Innenausstattung ständig verbessert. Aber auch im übertragenen Sinne haben Sie die Kirche Christi auferbaut, wenn Sie Sonntag für Sonntag mit einer frohen Kinderschar wie in einer Prozession von der Ledergasse her zum Sonntagsgottesdienst gekommen sind und die vorderen Bankreihen gefüllt haben. Das wird mir ebenso fehlen wie das schöne Osterfrühstück nach der Osternacht im Refektorium oder die Gottesdienste in der Kinderheimkapelle. So oft haben Sie der Pfarrei St. Sebastian geholfen, etwa bei der Lagerung der Kunstwerke während der Kirchenrenovierung, oder wenn ich wieder einmal schnell den VW-Bus gebraucht habe. Sie haben Erstkommunion- und Firmunterricht erteilt, wo manche Eltern entnervt abgewunken haben. Dank Ihrer Güte dürfen wir seit einigen Jahren sogar unser Pfarrfest im Kinderheimgarten feiern. Danke dafür!

Nochmals darf ich die Franziskuslegende zitieren. Dort steht, dass das Bild des Gekreuzigten Franziskus liebevoll und gütig ansprach. Damit sind wir nun bei Ihrem Abschiedsgeschenk, einer Nachbildung des Kreuzes von San Damiano, mit Zertifikat auf der Rückseite: „Made in Italy.“ Ja, Italien, die Toscana, Assisi – das ist so recht die Herzkammer der franziskanischen Bewegung mit ihrem berühmten Segens­wunsch „pace e bene“ – „Friede und Heil.“ Mit einem herzlichen „pace e bene“ überreichen wir Ihnen heute dieses Kreuz, und es möge zu Ihrem ganz per­sön­li­chen Segenszeichen werden, das Sie liebevoll und gütig anspricht. Ich war über­rascht, wie viel man über dieses Kreuz nachlesen kann. Zunächst einmal ist der weithin sichtbare Christus gar nicht der Gekreuzigte, sondern der Auferstandene am Ostermorgen. Denn die Dornenkrone ist weg und die Wundmale haben keine Nägel mehr. Der dunkle Querbalken des Kreuzes ist gar kein Balken, sondern ein langgestreckter, offener Steinsarkophag, ein leeres Grab, und links und rechts davon stehen Engel als Zeugen der Auferstehung.

Zu Ihrem persönlichen Segenszeichen wird dieses Kreuz jedoch durch zwei erstaun­liche Details. Auf der Kreuzikone sind dreiunddreißig Personen abgebildet. Der Kreuzrahmen ist im Original mit dreiunddreißig Nagelköpfen verziert, symbolisch für die dreiunddreißig Lebensjahre des Jesus von Nazaret. Und wie lange war Schwester Mansueta in Oettingen? Dreiunddreißig Jahre! Wenn das kein Zufall ist. Ich werde nun nicht alle dreiunddreißig Personen auf dem Kreuz einzeln vorstellen, sondern mich auf die fünf Personen unter dem Kreuz beschränken. Zwei von ihnen sind Männer, nämlich der Lieblingsjünger Johannes und der Hauptmann von Kapharnaum. Die Männer lassen wir auch einmal weg und konzentrieren uns auf die drei Frauen. Es sind die drei Marien, nämlich links Maria, die Mutter des Herrn, und rechts Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus. Wenn man nun weiß, dass jede Ordensschwester traditionell als ersten Namen den Vornamen Maria trägt, dann sehen wir in diesen drei Frauen das Symbol für unser Oettinger Dreigestirn: Maria Mansueta, Maria Henrika und Maria Wilma. Ganz nahe beim Herrn, unter seinen Armen geborgen, so möge der Weg der Dillinger Franzis­kanerinnen in die Zukunft verlaufen, und ebenso Ihr Weg, Schwester Mansueta, in die Weite der Klosteranlagen von Maria Medingen hinein. Pace e bene – Friede und Heil! Arrivederci – auf Wiedersehen in Oettingen! Amen.”

Schwester Mansueta Peschel OSF

Schwester Mansueta Peschel OSF

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